My Life in Istanbul

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Dienstag, 15. November 2011

,,Die Götter sind auf uns eifersüchtig...!"


Istanbul, Maltepe

Heute ging ich wie gewöhnlich zur Uni. Ich war wie so oft die meiste Zeit alleine. Nicht, dass ich mich den Menschen gegenüber verschließen würde, aber scheinbar trauen sich die Meisten nicht an das neue, westlich gekleidete und selbstbewusst ertrahlende Geschöpf heran. Vielleicht liegt es wohl auch daran, dass ich etwas zu selbstsicher erscheine. Das könnte einiges erklären. Vielleicht haben die Leute aber auch einfach keine Lust auf mich. Desinteresse? Ich weiss es nicht. Wahrhscheinlich wirke ich einfach uninteressant. Who cares. Jedenfalls saß ich in der Kantine und aß an meinem Mittagsmenü. Um mich herum waren zahlreiche Studenten in ihren Gruppen völlig hysterisch quatschend über die anstehenden Klausuren. Mich rührte diese Hysterie herzlich wenig. Ich empfand absolut keine Aufregung für die bevorstehenden Klausuren. Ich weiss nicht warum. Irgendwie war es mir egal, wie ich diese bestehen würde. Mir war die Motivation und die Energie dafür vergangen. Ich hatte mir in Istanbul, das Leben an der Uni doch so anders vorgestellt.

Hätte ich denn ahnen können, das ich die meiste Zeit alleine vor dem Laptop verbringen werde? Hätte ich denn wissen können, dass Facebook und Skype mir zum besten Freund werden? Hätte ich denn vorhersehen können, dass ich die einsamste Zeit meines Lebens ausgerechnet während meines Auslandsstudiums erleben werde?

Natürlich habe ich mich mit einigen Studenten aus meinen Kursen unterhalten. Aber mehr als ein ,, Magst du Deutschland oder die Türkei mehr? "- war es nicht. Oder aber ,, Wie viel Geld bekommst du monatlich als Förderung?".
Fuck you. Warum interessiert sich jeder Bergbauer und jeder angehende Akademiker für mein Budget? Es reicht. Hallo, wissen diese Menschen denn nicht, dass mein Charakter, meine Gedanken und Ideen weitaus reicher sind, als die leppischen 800 Euros, die ich monatlich erhalte???

Aber ich ärgere mich nicht mehr drum. Leider habe ich aufgegeben mit der Hoffnung einen guten Freund zu finden. Ich hatte anfangs versucht mich einer Mädchengruppe aus meiner Klasse anzuschließen, aber nach nur wenigen Tagen distanzierte ich mich obwohl ich noch immer mit einer von Ihnen eine WG teile.
Ich möchte nicht abwertend sein, ich versuche oft diese Art zu vermeiden, aber die Gespräche dieser jungen, türkischen Mädchen sind mir einfach zu primitiv. Ständig lästern sie darüber, wer die Hausaufgaben mit anderen teilt und wer nicht. Und wer mit wem aus der Uni ausgeht. Klar sollen solche Gespräche auch stattfinden, aber doch nicht ausschließlich?
Außerdem fragt man überhaupt nicht nach mir. Nicht dass ich absolute Aufmerksamkeit möchte, aber zumindest möchte ich Interesse in den Augen meiner angehenden Freunde sehen. Keiner von Ihnen weiss zum Beispiel, dass ich 2 Geschwister habe, dass meine Eltern noch am Leben sind und dass ich in Hamburg Politikwissenschaften studiert habe.
Wieso sollten sie es auch wissen? Keiner fragt danach. Und ich möchte mich auch nicht dahinstellen und von mir berichten, wenn ich sehe, dass keiner auf mich zukommt. Dieses mangelnde Interesse hat mich sehr enttäuscht. Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass ich neue Freunde aus einem anderen Ort der Welt für mich gewinnen könnte.Ich hätte mir sehr gerne gewünscht, dass ich die Einstellung zum Leben, die moralischen Ideen der Istanbuler Studenten erfahren könnte. Ich hätte mir auch gewünscht heiße Diskussionen über politische Themen führen zu können. Schließlich studiere ich doch International Relations und Political Science. Das Problem ist einfach, dass ich die einzige Erasmustudentin in meinem Department bin und einfach so ohne eine Ansprechperson vor mich hin studiere. Man sagt auch, dass die Studenten von der Maltepe Universität Kinder aus reichen Familien sind und deswegen sehr hochnäsig und primitiv sind. Aber diesem Vorurteil möchte ich mich nicht anschließen. Was ich jedoch bestätigen kann, dass diese Studenten mehr als desinteressiert sind. Warum? I dont know. Aber Desinteresse ist immer schlecht.
Jedenfalls saß ich in der Kantine mit dem Kopfhörer in den Ohren und schaute Nachrichten übers Iphone. Plötzlich setzten sich zwei männliche Studenten aus meiner Klasse an meinen Tisch und lächelten mich an. Ich wunderte mich. Es sollte anscheinend zwei Monate in Anspruch nehmen, bis sich die ersten Kerle aus meiner Klasse an mich heran trauten. Ich lächelte zurück. Und sie fragten nach meinem Namen und weshalb ich doch immer so alleine wäre. Hallo gehts noch ihr Eierrollen, dachte ich im ersten Moment! Welcher Erasmus Student möchte schon alleine sein? Und da antwortete ich: ,, Ja, weil keiner von euch mit mir redet!" Haha, so selbstlos war ich ja noch nie. Aber ich musste es halt auf den Punkt bringen.
Doch dann entwickelte sich ein netter Smalltalk und wir verabredet uns abends auf einen Cafe. Ich war neugierig. Das erste Mal nach zwei Monaten sollte ich meine Klassenkameraden kennenlernen.
Oytun und Taygun waren schon vor Ort am Tisch. Ich setzte mich zu ihnen und das Gespräch fing mit den üblichen ,,Deutschland-oder-Türkei" Fragen an. Mittlerweile hatte ich die Antworten schon auswendig gelernt und ratterte sie nur noch herunter. ,, Türkei ist die Heimat meiner Eltern und Deutschland ist mein Zuhause", sagte ich jedes Mal. Und ich fügte hinzu, dass ich Gott dafür danke, dass ich mit zwei Kulturen aufgewachsen bin. ,,Kader" sagte ich dann, was so viel wie ,,Schicksal" heisst.
,,Bist du etwa Muslimin?", fragte mich Taygun. Ich sah ein Entsetzen in seinen Augen.
Und Oytun schaute auch schon grimmig.
,,Ja natürlich, ich glaube an Allah und bin Muslimin. Weshalb wunderst du dich?"
Oytun fing an zu lachen. ,,Du glaubst doch nicht etwa, dass es nach dem Tod eine Hölle und ein Paradies gibt? Das ist doch ein Schwachsinn. Und diese Schleierollen glauben so sehr daran, dass sie ihr Leben lang mit schwarzen Gewändern durchs Leben marschieren."
 Taygun bestätigte diesen Gedanken.
Ich war überrümpelt. Wieso machten sie sich über meinen Glauben lustig? Wieso konnten sie so taktlos meinen Glauben niederschmettern. Irgendwie war ich baff. Nicht einmal in Deutschland, einem Nicht-Muslimischen Staat  wurde mein Glaube derart angegriffen. Ich wollte aber ruhig bleiben und erst einmal erfahren, weshalb sie so radikal in ihrer Haltung waren.
Ich erklärte Ihnen, dass ich an einen Schöpfer glaube, weil die Komplexität dieses Lebens und des Universums einem hochintelliegenten Design unterliegt. Weiterhin erklärte ich, dass Wissenschaftler mikroskopisch kleine Zellen entdeckt hätten, dessen Aufbau unbegreiflich sind und man mit menschlicher Hand und Technologie niemals solch eine Perfektion nachahmen könnte. Doch das rührte sie nicht.

,,Wir sind Atheisten", bekannten sie sich stolz. ,,Mit dem Tod hört alles auf. Seit Jahrmillionen werden die Menschen verarscht und sie alle glauben an ein Leben nach dem Tod, weil sie schwach sind. Aber wir sind stark genug in unserem Geist und können auch ohne diese Fantasiegeschichten leben."

Ich spürte diese überhebliche Art von Überzeugung. Außerdem erkannte ich eine trotzende und rebellierende Art, die ihr eigenes Wissen oder ihren eigenen Standpunkt über das der Anderen stellte. Das konnte ich nicht dulden. In Deutschland lernte ich, dass man gegenüber jedem Glauben Respekt haben sollte. Noch nie wurde ich derart mit meinem Glauben konfrontiert. Dass man dazu Fantasiegeschichte und Schleiereule sagte, war mir fremd. Aber ausgerechnet in einem so muslimischen Land wie der Türkei, auf diese Weise verspotttet zu werden, nahm mich aus der Fassung. Ich wusste ich konnte nicht über meinen Glauben diskutieren. Ich wollte meinen Glauben auch nicht durch Argumente verteidigen. Ich wusste es hätte keinen Sinn gehabt. Erst recht bemerkte ich es, als Oytun dann sagte: ,, Weisst du was, vor zwei Jahren ist mein Vater gestorben. Ich bin nicht ein einziges Mal an sein Grab gegangen, weil ich genau weiss, er ist nicht dort. Er ist verschwunden. Was bleibt, sind die Erinnerungen. Wenn ich gedenken möchte, nehme ich eine Flasche Raki und setze mich ans Wasser. Das reicht mir. So hat es mein Vater auch bei meinem Opa gemacht."
Ich war erstaunt. Ich fand es interessant, diese neue Lebensweise zu erfahren. Ich wurde neugierig und wollte erfahren, woher er sich die Kraft nahm, seinen Vater so totzuschweigen. Ich könnte niemals mit dem Gedanken zur Ruhe kommen, dass meine Mutter ins Nichts verschwindet. Egal, wie sehr ich mich weiterbilde, egal wie viel Goethe, Einstein, Darwin und Newton ich lese. Mein Glaube an ein Jenseits wird bleiben. Und dieser macht mich stark.
Oytun wurde ruhig. Als wollte er mich bekehren schaute er mich an.
 Und dann sagter er:

,,Gökcen kennst du den Film Troja? Dort sagte der eine Prinz: ,, Die Götter sind auf uns Menschen eifersüchtig, weil wir sterblich sind." Alles was wir erleben, erleben wir nur einmal. Alles was wir schmecken, schmecken wir nur einmal. Jeder Moment ist einmalig. Diese Einmaligkeit macht unser Leben so besonders und deswegen müssen wir unser Leben genießen. Diese Einmaligkeit macht jeden Moment einzigartig. Gökcen lerne zu begreifen, dass du hier und jetzt lebst. Lebe nicht für ein Leben danach, Lebe für heute. Wenn du genau weisst, dass Leben endlich ist, dann weisst du jeden Moment zu schätzen."

Irgendwie machte mich das nachdenklich. Ich war durch diese neue Sichtweise erleuchtet worden. Nicht, dass ich meinen Glauben ans Jenseits verlor. Aber ich war begeistert durch diese neue Sichtweise, die logisch gesehen, einleuchtend ist. Ich war fasziniert, dass ein junger Mann trotz des Todes seines Vaters das Leben nach dem Tod ablehnte. Er wollte nicht einmal daran glauben. Für mich war er sehr stark. Ich war glücklich einen neuen Menschen kennengelernt zu haben, der mir das Leben aus einem neuen Winkel zeigen konnte. Heute hatte ich gelernt, dass es auch Menschen gab, die ohne Religion glücklich sein konnten. Doch vielleicht war es auch nur eine Fassade. Ich weiss es nicht. Doch auch wenn er Recht haben sollte. Ich bin glücklicher mit dem Gedanken an ein Jenseits. Ich bin glücklich mit meinem Glauben zu Allah. Und was die Wahrheit ist, werden wir womöglich niemals erfahren. Doch deswegen heisst es ja eben Glaube. Und jeder soll so leben wie er glaubt. Ich bin jetzt müde. Und möchte schlafen. Vielleicht werde ich morgen, eine andere Perspektive gewinnen. Ich wünsche es mir.

Kommentare:

  1. Canim tebrikler, yazis seklin cok sürükleyici akici ve zevkle okutuyor kendisini. Icerigine bakacak olursakda, sanirim karsimizdaki insanlari önce dinlemek,anlamak ve tanimak gerekiyor ki saygida duyalim senin yapdigin gibi. Günlerinin bol bilgi ve tecübelerle gecmesini diliyorum ve yazilarini merakla bekliyorum. Kendine iyi bak ...

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  2. Ich bin glücklich mit meinem Glauben zu Allah. Und was die Wahrheit ist, werden wir womöglich niemals erfahren....wenn du schreibst wir werden es womöglich niemals erfahren...bestätigst du dass es womöglih kein leben nach dem tot gibt....denn wenne s eins gäbe würssten wir es womöglich

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  3. @ anonym Als ich sagte, womöglich werden wir es nie erfahren, sprach ich davon, dass wir es niemals während unserer Lebenszeit erfahren werden. Aber du hast Recht, in meinem Bericht muss ich das präzisieren, sonst macht es keinen Sinn :)

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  4. ben de erasmus ya da staj yapmayi düsünüyorum istanbulda. hatta temelli geri dönmeyi..ama bunlari okudukca korkuyor insan..
    insanlarda cok kötü bir kutuplasma var ne yazik ki. birbirlerini dinlemeye tahammül edemiyorlar. inananlar ve inanmayanlar.. ben bu partiliyim sen su partilisin.. gercekten cok yazik oluyor, insanlar gittikce uzaklasiyor birbirlerinden.

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