My Life in Istanbul

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Freitag, 20. Januar 2012

Zeiten ändern sich- Abschied aus Istanbul



 Berlin                                                    21.01.2012


Hallo,
ich habe mich sehr lange nicht mehr zu Wort gemeldet und das tut mir auch nicht leid. Denn ich fühlte mich nicht danach. Ich brauchte diese Zeit um Nachzudenken. Ich bin wieder zurück in Deutschland. Danach hatte ich mich ja so lange gesehnt. Ich habe mein Leben in Istanbul aufgegeben. Einfach so. Obwohl ich mir vornahm ein Jahr lang dort zu studieren. Nach 5 Monaten Aufenthalt in Istanbul nahm ich Abschied. Oder besser ich flüchtete. Denn ich verabschiedete mich von Niemandem. Ich kam in der Nacht als Fremder und flüchtete in der Nacht als Phantom. Von einem Tag auf den anderen nahm ich mein Zeugnis, packte meine Koffer und ließ alles zurück. Ich drehte mich nicht einmal um. Selbst im Flugzeug schaute ich nicht aus dem Fenster. Ich hatte nur ein Ziel- Hamburg, mein Zuhause.

Doch wieso war ich so gefühlstot? Wieso verabschiedete ich mich nicht von meinen Mit-Studenten, die mich in letzter Zeit jeden Tag treffen wollten und sich freuten, wenn ich zur Uni kam? 
Wieso verabschiedete ich mich nicht von meinen Professoren, deren Kurse ich besuchte und die mich mit Achtung behandelten? 
Weshalb nahm ich keinen Abschied von dem Bäcker, den ich jeden Morgen begrüßte?
 Und was ist mit dem Dürüm-Verkäufer? Wie oft aß ich von seinen Köstlichkeiten? 
Was war mit all den Menschen, mit denen ich meine Zeit verbrachte? Wieso flüchtete ich von einem auf den anderen Tag wie ein Verbrecher? 
Selbst meine WG-Partnerin, die ich als Fremde empfand, bekam Tränen in den Augen, als ich ihr von meinem plötzlichen Rückflug in die Heimat berichtete. 
Sie wollte mich in die Arme nehmen und Abschied nehmen. Doch ich wollte es nicht zulassen. Ich war so kalt. Doch warum? War ich nicht immer die Jenige gewesen, die ihren Menschen mit Gefühlen entgegenkam?
Was machte mich so eiskalt und gefühlstot? Meine plötzliche Rückkehr ohne ein Wort zu verlieren, ist eine Flucht. Und eine Flucht ist immer dort, wo auch ein Scheitern ist.

 Ich bin gescheitert in Istanbul. Das muss ich nun einsehen. Obwohl ich mein Semester mit brillianten Noten beschmückt habe, bin ich gescheitert. Gescheitert als Mensch. Gescheitert als Bürger. Schon nach 1. Monat Aufenthalt wollte ich weg. Einfach nur raus aus Istanbul. Jeder und alles war ,,anders“ in meinen Augen. Ich wollte mich nicht mehr dieser Herausforderung stellen und verurteilte diese Stadt. Ich erklärte mir selbst, dass ich hier nicht hingehörte. Doch was war eigentlich los mit mir?
 Wieso war jeder und alles schlecht, nur weil sie ,,anders“ waren? War ich nicht immer die Jenige gewesen, die sich selbst als ,,weltoffen“ und ,,tolerant“ feierte? 

Und nun, da ich ein neues Leben, eine neue Gesellschaft und neue Denkstrukturen betrat, war ich alleine. Alleine mit meinen primitiven Gedanken. Ich war feige. Jetzt weiss ich es. Ich war verschlossen. Ich war konservativ. Ich bin der Grund für mein Unglück in Istanbul gewesen- Kein anderer. Denn nun, da ich zurück in Deutschland bin, fühle ich die selbe Leere in mir, wie in Istanbul. Auf der Suche nach der Vollkommenheit pendele ich zwischen Hamburg und Berlin. Doch siehe da, es ändert sich nichts. Das Glück, kann nicht an den Orten liegen, sondern beginnt im Inneren unseres Selbst.

Ich war, so wie ich nun erkenne, im Unreinen mit mir selbst und projizierte meine gesamte Unzufriedenheit auf meine Umgebung. Somit baute ich Wände auf, durch die ich Niemanden mehr an mich heranlassen wollte. Innerhalb dieser Wände lebte ich den Traum von meinem Zuhause und schränkte mich somit komplett ein. Ich weiss nun, dass ich der Grund bin und nichts anderes.

Ich weiss nicht ob ich bereue, doch ich frage mich: ,,Was wäre, wenn?``
Was wäre gewesen, wenn ich noch ein weiteres Semester in Istanbul studiert hätte?
Was wäre, wenn ich offener auf die Menschen zugegangen wäre? 
Was wäre, wenn ich einfach nicht zu viele Erwartungen gehabt hätte?

Doch jetzt ist es zu spät- Ich habe Istanbul aufgegeben und mir selber die Chance auf neues Leben genommen. Ich bin wieder zurück in meinem Heim. Bei meiner Mutter. Ich lebe weiterhin die Routine meines Alltages. Während ich mich selbst immer ein selbstbewusst und eigenständig deklarierte, muss ich mir nun eingestehen, dass ich feige war. Ich hatte Angst. Angst vor dem Neuen. Angst, dass man mich nicht lieben würde, so wie man es Zuhause bei mir tat. Ist das vielleicht die Phase, des Erwachsenwerdens? Ich weiss es nicht. Ich weiss nun, ich fühle anders. Differenzierter.

 Das Leben geht weiter. Zeiten ändern sich. Und vielleicht auch ich.