My Life in Istanbul

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Mittwoch, 21. Dezember 2011

Istanbul, du bist nicht mehr mein Freund.


Istanbul, eine glänzende Pracht, dessen Geschichte und Vision die gesamte Welt erleuchtet. Alle wollen nach Istanbul. Die Stadt platzt aus allen Nieten. Während 2005 ca. 12 Millionen Menschen in Istanbul lebten, sieht es heute nach knapp 7 Jahren schockierend anders aus. Die Zahl wird auf 20 Millionen Menschen geschätzt. Touristen, Einwanderer von überall auf der Welt, Studenten, Arbeiter, Investoren. Alle sie wollen nach Istanbul.
Immer mehr Menschen googlen Istanbul. Es scheint so, als könnte Istanbul das New York von Europa sein. Das Land der Hoffnungen.
Bei mir sah es nicht anders aus. Jahrelang träumte ich von einem Leben in Istanbul und ja ich habe es geschafft. Ich bin eine ganz tolle Studentin an einer privaten Universität in Istanbul. Aber wo ist denn nun der Rest? Das Leben in Fame, Publicity und Ruhm? Haha. Ok, man muss es mit den Träumen ja nicht gleich übertreiben. Aber wo ist denn das unbeschwerte Leben in Istanbul, in dem man sich täglich chill-out Abende am Wasser gewünscht hat, am Besten in Begleitung mit einem Gitarristen im Schatten der Bosporus-Brücke?
Wo sind all die neuen Menschen, die ich kennenlernen wollte, die zu meinen neuen Netzwerk werden sollten? Durch die ich neue Eindrücke erfahren wollte?
Wo sind die coole Istanbuler- Studenten, mit denen ich nach dem Unterricht auf dem Campus noch chillen und heiß diskutieren wollte?
Wo sind die unglaublichen Job-Angebote, die mich zur Millionärin machen sollten?
Wo sind all die Regisseure, Casting-Direktoren und CEO´s , die mich entdecken wollten? Haha.
Wo sind die netten Nachbarn, die mich auf einen Börek und Cay einladen wollten, wenn ich abends zu Hause saß und mir langweilig war?
Wo ist mein Istanbul, das durch seine Gastfreundlichkeit, jeden in die Arme nehmen würde, gleichgültig welcher Herkunft oder Nationalität.
Wo, wo , wo???
Nirgends. Nirgendwo. Ich kann nichts dergleichen finden. Alle Träume sind ins Wasser gefallen.
War ich etwa zu optimistisch? Habe ich etwa zu viel geträumt? Wo ist mein liebes Istanbul, das ich aus meinen Kindheitserinnerungen kannte? Wo ist mein Istanbul, das ich aus meinen Urlauben kannte? Und wo ist mein Istanbul, das ich aus den Medien kannte?

Istanbul. Mehr Schein als Sein. Hast du was, bist du was. Ganz einfach. Eine Stadt, die so groß ist, dass ein einzelner Mensch darin verloren geht. Eine Stadt, die so überdimensional ist, dass der Wert eines einzelnen Menschen nur anhand seiner Kontakte und seiner Scheine in der Tasche gemessen wird.
Gefüllt mit schimmernden Hoffnungen traf ich hier ein und erfuhr jeden Tag, dass ich nur Eine von Vielen war.
Eine, die im Kampf um den Aufstieg, sich in einer Masse von hilflos schreienden Krähen befand. Eine, die auch nur einen Fisch verschlingen wollte. Doch die Fische waren heiß begehrt und nur für die zu haben, die auch Opfer bringen würden.

Ich schreibe sehr metaphorisch, ich weiss. Doch anders kann ich meine Wahrnehmungen nicht besser beschreiben. Ich versuch es mal.

Jeden Tag lerne ich Menschen kennen, die aus den verschiedensten Teilen der Welt nach Istanbul strömen, um hier die unerfüllten Träume zu verwirklichen. Menschen, die frisch aus Arabien eingereist sind, weil sie während der arabischen Revolution unter Anderem in Ägypten politisch verfolgt wurden. Menschen, aus dem tiefen Anatolien, weil sie in den Bergen, in denen sie lebten, keine humanen Lebensbedingungen mehr fanden. Der Grund: Die türkische Regierung, die dort mit Waffen und Bomben, die PKK-Guerilla bekämpft.
Auch Menschen aus dem Balkan, die sich in Istanbul bessere Arbeitsbedingungen erhoffen.
Aus Amerika, China, Japan, Australien, Germany, aus ganz Europa und auch aus Afrika trifft man in Istanbul Menschen, die in den Strassen gefälschte Uhren verkaufen. Das Ziel ist eindeutig.
Sie alle wollen Geld verdienen.
Ein Großer Markt, mit einer noch größeren Nachfrage, in der die Arbeitgeber über die Arbeitskonditionen und Löhne so frei entscheiden können, wie die Wolken über den Regen.
Hier in Istanbul, so habe ich erfahren, ist es egal, wer du bist. Du bist nur Irgendjemand. Keiner interessiert sich für deine Lebensgeschichte. Niemand will erfahren, was du als Kind geliebt hast. Keiner fragt nach deiner Familie und deinen Idealen. Du bist eine laufende Profil-Karte mit einem einzigen Stempel: Wen kennst du und wie viel besitzt du? Und wenn du beides dieser Fragen mit einer negativen Antwort entgegnest, dann zählt nur: WAS WÜRDEST DU BIETEN, um deinen Traum zu erfüllen?
Eine sehr herausfordernde aber meistens schmerzende Frage.

Ich habe erfahren, dass Istanbul gewachsen ist. Istanbul, du bist erwachsen geworden. Du warst anders, als ich ein Kind war. Damals warst du gut zu mir. Du konntest mit mir spielen, mich zum Lachen bringen. Mich glücklich machen. Damals schenktest du mir jeden Morgen ,,Misir" mit Salz drauf. Misir sind Maiskolben. Sie machten mich damals so glücklich. Ich freute mich jedes Jahr auf Istanbul, um wieder den schwarzbärtigen Maiskolben-Verkäufer zu treffen, der jeden Morgen so lange ,, MISIIIIIR" rief, bis meine Geschwister und ich aufwachten und uns damit bescherrten.
Istanbul war für mich als Kind, das Land der Musik und Freude. Überall ertönte laute Musik aus allen Läden und Autos. Selbst aus den Bussen und Taxen. Jedes Mal als ich die Strasse betrat, schien es so als würde ich eine gigantische Hochzeit betreten, auf der jeder eingeladen war. Jeder schien willkommen zu sein. Eine große Familie empfing mich, wenn ich die Strassen betrat. Ich fühlte mich angekommen in einem Land, das mich erwartete. Liebe umgab mich, wenn ich Istanbul hörte. Meine Kindheitserinnerungen waren so bunt, dass ich Nachts immer von meiner Zeit in dieser Stadt träumte. Ich erinnerte mich an meine Verwandte, die mich in ihre Arme nahmen und für mich kochten. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich nie wieder loslassen wollten und am Liebsten mich 24 h pflegen wollten. Überall sah ich Kinder, die spielten und nur zu nach neuen Freunden riefen. Wenn sie mich sahen, behandelten sie mich wie einen kleinen Star und umhüllten mich mit ihrer Begeisterung für mich. In Istanbul war ich immer ein Stern. Und Istanbul war mein Stern.
Doch wie ich nun vermerkt habe: Es war einst einmal....

Nun da ich älter bin, sehe ich die Wahrheit. Ich wünschte alles wäre so geblieben, wie in meinen Träumen. Ich konnte zumindest in meinen Visionen in diese Stadt fliehen und dort mein Glück finden.
Doch mit den Jahren wächst auch Istanbul. Nicht nur die Anzahl seiner Einwohner und seiner Fläche. Auch die Größe seines Selbstwertgefühls. Heute bist du für mich unerreichbar geworden und ich lasse los.
Ich kehre zurück an den Ort, an dem ich Gross geworden bin. Dort gehöre ich hin. Hamburg ist meine Mutter.
Der Ort, der mich prägte-Der Ort, der mich zu dem machte, der ich jetzt bin.
Heute weiss ich, wie schön mein Leben in Hamburg war. Ich brauche meine Vision von Istanbul nicht mehr. Denn ich habe erfahren, dass mein Leben in der Gegenwart viel schöner ist, als in meinen längst verflossenen Träumen von Istanbul.
Eigentlich bin ich dir dankbar, Istanbul. Ich habe nun erfahren, wie glücklich ich doch ohne dich war.